Erlebnisbad Backnang

Quelle: Backnanger Kreiszeitung 26.08.2002

Die Stadt will sich beim Sprung ins Wasser nicht nass machen

Nach der Sommerpause hat sich der Gemeinderat erneut mit der Frage eines Freizeit- und Erlebnisbades zu befassen - Neues Gutachten wird erwartet
Backnang. Seit Jahren steht die Stadt auf dem Startblock eines neuen Erlebnisbades. Doch die Verantwortlichen haben noch immer nicht zum Sprung angesetzt. Denn sie möchten nicht nass werden. Will heißen, sie scheuen (noch) das Risiko. Nach der Sommerpause dürfen sie (mal wieder) entscheiden. Bis dahin liegt (mal wieder) ein Gutachten vor.

VON REINHARD FIEDLER

Die Euphorie ist längst verflogen. Ernüchterung hat sich breit gemacht. Ob und wo und wie das neue Spaß-, Freizeit- oder Erlebnisbad gebaut wird, ist unsicherer denn je. Gleichzeitig ist klar, dass etwas geschehen muss. Zumindest mit dem Hallenbad. Denn die marode Badeanstalt aus den Sechzigern bedarf dringend einer Erneuerung. Allein 3 Millionen Euro wären notwendig, um den einschlägigen technischen Vorschriften Rechnung zu tragen. Dabei würde der Badegast bei einer Investition in dieser Größenordnung noch gar nichts merken. Von wegen mehr Attraktivität, Spaß und Wellness und so.

Lohnt ein solcher Aufwand? Ist es nicht angebrachter, das alte Hallenbad zu schließen und ein neues zu bauen? In Verbindung mit dem Mineralfreibad? Eine Freizeit- und Entspannungsanlage ganz im Stile der Zeit? Als Magnet nicht nur für die eigene Bevölkerung, sondern für Badebegeisterte aus dem weiten Umland? Backnang, so wurde dabei überlegt, könnte für sich einen enormen Attraktivitätsgewinn verbuchen. Der Erste, der die Verantwortlichen in Rathaus und Gemeinderat mit dieser Idee vertraut machte und dann auch erste Pläne vorlegte, war der renommierte Bäderarchitekt Horst Haag.

Falls der Betreiber Pleite macht, gäbs große Probleme

Seine Rechnung: Die Stadt hat für ihr Hallenbad und für ihr Mineralfreibad alljährlich 870 000 Euro Abmangel aufzubringen. Legt sie noch 1 weitere Million drauf, dann ist sie im Geschäft. Weil nämlich für Investitionskosten und für Unterhaltung eine private Betreibergesellschaft gerade steht. Nach Haagscher Kalkulation bedarf es dazu eines großen Einzugsgebietes. Die Leute kommen dann auch aus weiterer Entfernung, wenn sie nicht nur ein 08/15-Bad erwartet, sondern eine Bäderlandschaft mit vielerlei Vorzügen.

Das klang zunächst gut. Doch dann tauchten erste Zweifel auf. Die waren vor allem finanzieller Natur. Das Risiko, dass auf Dauer vielleicht doch nicht so viele Badegäste kommen, wie für einen wirtschaftlichen Betrieb notwendig, das machte sich in den Köpfen der Stadträte wie ein Schreckgespenst breiter und breiter. Was nützt schließlich eine private Betreibergesellschaft, wenn sie untergeht, fragte sich der Gemeinderat. Dann hat schließlich die Stadt die Anlage und mithin gewaltige Sorgen am Hals. Ein Pleite gemachter Betreiber kann zu nichts mehr verpflichtet werden. Vertrag hin, Vertrag her.

Zudem wollte der Gemeinderat auch Alternativen zur Haag-Planung sehen. Die wurden dann auch vorgelegt, begutachtet, diskutiert, verändert, teilweise verworfen. Aktuelle Beschlusslage: Jene Planungen, die einen Standort gegenüber dem bestehenden Mineralfreibad (links der Murr) vorsehen, die werden weiter verfolgt. Dabei handelt es sich um zwei Konzepte: Das von Horst Haag gemeinsam mit der Interspa Gesellschaft für Kur- und Freizeitanlagen mbH vorgelegte und das von der Investorengruppe Deyle präsentierte. Haag rechnete mit einer Bausumme von 23 Millionen Euro, Deyle will mit knapp 20 Millionen auskommen.

Das sollte die Grundlage für weitere Entscheidungen sein. Doch dann meldete sich plötzlich eine weitere Investorengruppe (Geywitz und Röhrle) und legte ohne Aufforderung oder Auftrag ein eigenes Konzept mit einer Bausumme von 15,5 Millionen Euro vor. Die Spitzen der Stadtverwaltung hätten aufgrund des geltenden Gemeinderatsbeschlusses zwar abwinken können, ließen sich diese Vorstellungen aber trotzdem erläutern. Doch so ganz ausgegoren waren diese Pläne, die eine unmittelbare Einbindung des bestehenden Bades vorsahen, wohl nicht. Zu stark hätte ein terrassenförmiges Bauwerk in den Hang hinterm Mineralbad eingegriffen. Daraufhin variierten die Planer, rückten ihr Neubauprojekt weiter nach hinten. Backnangs Bäderchef Udo Schmidt untersuchte diese Version und ließ schlussendlich wenig Gutes dran: "Aus mehreren Gründen weder sinnvoll noch kundenfreundlich." Es würden davon kaum Impulse ausgehen, um die prognostizierten Besucherzahlen auch nur annähernd zu erreichen. Erhebliche ökologische Bedenken machten das Forstamt und der Ökologe Heitzmann geltend.

Daraufhin machten sich Geywitz und Röhrle an eine dritte Konzeption diesmal auch links der Murr. Nach Angaben von Finanzbürgermeister Walter Schmitt liegen hierfür aber noch keine Berechnungen vor, kein Zahlenmaterial.

Angesichts des jahrelangen Hin und Her hat sich Walter Schmitt abgewöhnt, seinen Favoriten zu nennen. Der Bürgermeister diplomatisch: "Was wir wollen, ist ein funktionierendes Bad, das den Interessen unserer Bürger gerecht wird." Es wird also eine politische Entscheidung sein, die der Gemeinderat zu treffen hat. Walter Schmitt bietet Entscheidungshilfe an. Und zwar in Form eines Auftrages, den er einem einschlägig erfahrenen Berater erteilt hat: Friedhelm Raatz aus Neckarsulm. Dieser Mann guckt sich derzeit alle drei noch zur Debatte stehenden Konzepte an, rechnet mit spitzem Stift, wird in einer der nächsten Sitzungen seine Bewertungen abgeben. Auf dass der Gemeinderat vielleicht doch ein Stück vorankommt.

Was die Stadt bislang an Gutachten und Untersuchungen in dieses Projekt gesteckt hat, ist kein Pappenstiel: 200.000 Euro.

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