Uwe Deyle - Avenida Therme Hohenfelden

Quelle: Thüringer Allgemeine 14.03.2002

Baden gegangen

Vor allem eine bessere Infrastruktur versprach die CDU-Landesregierung zum Amtsantritt 1999. Zur Halbzeit der Legislaturperiode stehen zwar viele Projekte noch auf dem Papier, aber in einem Punkt hat Thüringen West-Niveau erreicht: in der Spaßbad-Dichte.

Vergangenen Montag in Hohenfelden. In der großzügigen Sauna-Welt der Avenida-Therme sitzt ein einsames Ehepaar. Nur zum Aufguss verirren sich noch ein paar der anderen Gäste in diesen Teil des Komplexes. Montag ist vielleicht kein Bade-Tag, falls nicht gerade Ferien sind. Geschäftsführer Thomas Schneider konstatiert einen "positiven" Trend: "Hinsichtlich betriebswirtschaftlicher Kennziffern befinden wir uns im Plan." In Thüringens Thermen nimmt aber die Zahl der flauen Montage immer mehr zu.

Im 4300 Einwohner zählenden Tabarz, im Landkreis Gotha, weiß Bürgermeister Matthias Klemm (SPD) schon nicht mehr, wie die Verluste des dortigen Spaßbades im Haushalt aufzufangen sind. "Ein Minus von 1,1 Millionen Mark für das Bad bei einem Gesamthaushalt von 6,5 Millionen ist nicht mehr zu verkraften", meint Klemm. Die Landespolitik habe hier versagt, durch die Förderung immer neuer Spaßbäder. "Die Eröffnung des Bades Hohenfelden 2001 war am schlimmsten, weil Gäste aus Jena und Erfurt nicht mehr kommen."

Dass weniger Gäste kommen, liegt nicht nur an Hohenfelden. Auch in Rudolstadt öffnete vergangenes Jahr ein neues Großprojekt; das letzte, für das noch großzügig Landesfördermittel aus dem Wirtschaftsministerium geflossen sind. Jetzt habe noch ein neues Bad in Jena aufgemacht und in Gotha soll das Sportbad kommen, schimpft Klemm. Wenn im Wirtschaftsministerium gesagt werde, dass Spaßbäder nicht mehr gefördert würden, so sei dies "reine Augenwischerei". Der Tabarzer Bürgermeister: "Egal ob das Kind nun Sportbad oder sonstwie heißt, Fördergelder aus irgendeinem Topf werden angezapft." Und dabei habe man die Gesamtheit der Bäderlandschaft völlig aus dem Blick verloren.

An dieser Stelle irrt Klemm allerdings. Die Gesamtheit der Bäderlandschaft hat die Regierung noch nie im Blick gehabt. Das Wirtschaftsministerium förderte mit Infrastruktur-Mitteln aus der "Gemeinschaftsaufgabe Ost" die großen Spaßbäder mit den vielen runden und geschwungenen Becken. Für die rechteckigen Schwimmbassins ist das Sozialressort zuständig - denn rechteckig klingt nach Schwimmsport-tauglich.

Das Spaßbad-Gutachen, dass Anfang der 90er-Jahre vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegeben worden war, ignorierte allerdings die Möglichkeit, dass man auch in rechteckigen Becken Spaß haben kann. Und so förderte jeder für sich drauflos, es entstanden acht große Spaßbäder, 23 "touristisch genutzte Frei- und Hallenbäder" und mehrere Dutzend "Bäder zur Sportförderung". Ergebnis all dessen ist eine fast beispiellose Planschbecken-Dichte in Thüringen.

Zur Freude der Kinder und zum Ärger der Kommunen. Die müssen schließlich am Ende für die Defizite aufkommen.

Beispiel Rennsteig-Therme in Oberhof. Die Deyle-Gruppe aus Stuttgart gab dort 33 Millionen Mark als "förderfähige Investition" an und erhielt dafür vom Wirtschaftsministerium 26 Millionen Mark Fördergeld. Da bei einer Therme so ziemlich alles förderfähig ist, hat die Firma nur sieben Millionen Mark selbst bezahlt. Nimmt man gute Gewinnspannen an und die Möglichkeit, bei Exklusiv-Aufträgen ohne Ausschreibung den Kosten-Voranschlag immer etwas höher anzusetzen als unter Konkurrenzdruck, könnte das Unternehmen schon nach Fertigstellung mit schwarzen Zahlen aus dem Geschäft dastehen. Anschließend wird eine "Betreibergesellschaft" aus beteiligten Kommunen und Investor gegründet, die stets nach dem gleichen Muster funktioniert: Der Investor macht die Arbeit und lässt sie sich sehr gut aus der Gemeinschaftskasse bezahlen. Wenn die Therme aber Schwierigkeiten bekommt, muss nur die Kommune bluten.

Diese Gefahr ist nicht nur in Tabarz akut. Bad Frankenhausen weiß nicht, wie es mit dem Kurbad weiter gehen soll; und auch in Teistungen - dem ersten Thüringer Spaßbad überhaupt - häufen sich die Schulden. "Für eine rentable Auslastung würden wir rund 200 000 Besucher im Jahr benötigen", meint die Teistunger Direktorin Martina Müller-Frasch. Die Statistik vom Wirtschaftsministerium wies für 2000 nur 94 006 Gäste aus.

Der Eichsfeld-Ort hat verschiedene Probleme: Er liegt ziemlich einsam an der Landesgrenze, zudem sind in Heiligenstadt, Leinefelde sowie Mühlhausen ebenfalls attraktive Bäder entstanden. Und das sei eben "für alle Beteiligten nicht geschäftsfördernd", wie es Frau Müller-Frasch vorsichtig umschreibt.

So sieht es auch der Mühlhäuser Bürgermeister Hans-Dieter Dörbaum. "Die Rentabilität unserer Thüringentherme hat sich durch die Inbetriebnahme der neuen Bäder in Heiligenstadt, Leinefelde und Nordhausen natürlich negativ entwickelt", sagt Dörbaum. Dazu käme die Verlagerung eines Teils des Schulschwimmunterrichts in ein neues Bad im nahen Schlotheim, "durch all das fehlen uns nun die Einnahmen".

Bürgermeister Klemm aus Tabarz fordert vom Erfurter Wirtschaftsministerium, einen Teil der Schulden zu tilgen oder die Kosten für neue Attraktionen zu übernehmen. Reaktionen darauf gibt es noch nicht. Nur die Ankündigung, bis Ende 2002 "eine Schwimmbad-Konzeption des Landes" zu erarbeiten. Jetzt, wo alles schon gebaut ist.

Von Frank BUHLEMANN und Eberhardt PFEIFFER

Copyright: Thüringer Allgemeine